Anekdoten aus meiner Fliegerzeit

Uli - ein uriger Schreiner und passionierter Bergsteiger / Tourengeher - und ich - ein Kunstpädagogik-Student und begeisterter Skifahrer / Skilehrer - haben uns 1974 auf einem Hang beim oberbayerischen Irschenberg das Drachenfliegen selbst beigebracht, weil diese Flugsportart damals noch ziemlich unbekannt war hierzulande. Unsere Flugdrachen haben wir von einem in Garmisch-Partenkirchen stationierten US-GI gekauft.

Nun sitzen wir am Gipfel des Blomberg (1248 m), dem Hausberg von Bad Tölz, unter unseren Fluggeräten, um unseren ersten Höhenflug zu wagen und warten schon eine geraume Zeit, dass der Rückenwind aussetzt. Uli hat bereits einen Fehlstart hinter sich, ignoriert aber seine Schürfwunden an Knien und Ellenbogen. Als es dann endlich zu einem "Nuller" kommt, greift Uli sofort über seine Schultern nach hinten, klinkt den Karabiner ein, nimmt seinen Drachen auf, justiert noch kurz den Anstellwinkel und sprintet dann los. Er rennt den Steilhang runter, als ob ihm eine Meute räudiger Hunde auf den Fersen wäre und hebt tatsächlich ab... Ich schicke ihm einen Juchzer hinterher, aber plötzlich stockt mir der Atem..: Uli hängt nämlich nur mehr mit seinen Händen am Steuerbügel - wie ein Turner am Hochreck..! Zum Glück sind jedoch seine bereits des Öfteren geforderten Schutzengel sofort zur Stelle: Der Drachen fliegt nämlich in einer großen Steilkurve zurück zum Berg, schmiert dann seitlich ab und kracht ins Gestrüpp... Und Uli hat auch noch das unverschämte Glück, dass alle Knochen heil geblieben sind..!

Die Unfallursache ist dann auch schnell gefunden: Da an der Aufhängung kein Defekt feststellbar ist, jedoch die Hosenträger von Uli´s Kurzlederhose vorne schlaff herunterhängen und zudem die hinteren Hosenknöpfe fehlen, bleibt nur die logische Schlussfolgerung, dass Uli vorm Start den am Drachen befestigten Karabiner statt an der Schlaufe seines Hängegurts an seinen Hosenträgern (!) eingehängt hat... Nur gut, dass die Knöpfe nicht noch ein paar Sekunden länger gehalten haben..!

Beim Runterfahren ins Tal mit dem Sessellift zeigte sich, dass Uli trotz des schlimmen Unfalls seinen trockenen Humor nicht verloren hat: "Woaßt, was saubled is..?" "Dass dei Drachen jetzt ziemlich im Arsch is..?!" "Des a..!" "Dass ma jetza ins Krankenhaus fahrn müassn und du dei Krankenversicherungskartn net dabei hast..?" "Des a..!" "Ja, was denn no..?" "Dass i bei dera ganzn Gaudi mein´ Gamsbart verlorn hab..!!"

Im Skilager 1979 der damaligen 9.Klassen von unserem Gymnasium in der Wildschönau konnte ich am freien Mittwoch-Nachmittag zwei Kollegen von der Fachschaft Sport dazu überreden, auf dem Hang hinter unserem Quartier mal mit meinem leichten und gutmütigen Bergsteigerdrachen einen Flugversuch zu wagen.

Während Egon (ein absolutes Leichtgewicht) gar nicht mehr runterkommen wollte, flog und flog... und sogar noch die im Tal querende Straße über und die dahinter verlaufende Stromleitung unterflog, um dann ganz souverän auf seinen Skiern zu landen, hatte der ehemalige Ruder-Olympionike (Deutschland-Achter) und MGF-Gaudibursch Günter (Fotos) nach einem relativ kurzen Flug das große Glück, noch ganz knapp vor einem Heuschober eine spektakuläre Crash-Landung zu fabrizieren...

Auf meine Vorhaltungen, warum er sich nicht an meine Anweisungen - sofort nach dem Abheben umzugreifen auf die Steuerbügelbasis - gehalten habe, weshalb es ihm den Helm bis über die Nase nach unten geschoben hatte und er einen absoluten Blindflug machen musste, wobei er um ein Haar den antiken Heuschober beschädigt hätte, erhielt ich nur eine für Günter typische Antwort: "Sei staad! Des is am Anfang goar ned so schlecht, wennst vo dera ganzn Sach ned so vui mitkriagst..!!"

Beim Start mit meinem brandneuen Cloud III vom 15 m hohen Gipfelfelsen unseres Vereinsbergs Büchelstein (832 m) im Bayerischen Wald (1982).

 

Mike, Hauptschullehrer in Sommerferien, steht mit seinem Drachen auf der Büchelstein-Startrampe und wartet, dass der Wind etwas konstanter von vorne kommt und er von mir - seinem Fluglehrer - Starterlaubnis erhält. Es ist erst sein dritter Höhenflug, weshalb er, obwohl ansonsten die Coolness in Person, dann doch etwas nervös wirkt: "Hoffentlich derwischt mi koa Thermik..!!"

Ich versuche ihn zu beruhigen: "Wennst dich vo der Schneisn fernhoitst, kann da eigentlich nix fehln..!"

Endlich passt der Wind, ich überprüfe noch kurz den Drachen-Anstellwinkel und gebe ihm den Start frei. Mike sprintet sofort die Rampe runter, kommt auch gut weg vom Gipfelfelsen und fliegt absolut ruhig raus über die Baumwipfel hinweg in Richtung Renzling, triftet dann jedoch plötzlich seitlich ab - ausgerechnet in Richtung Waldschneise..!

Kaum über der Schneise, wird es auch schon bockig, worauf Mike unterm Drachen hektisch herumturnt, um die Turbulenzen auszugleichen, dabei jedoch das Fluggerät aufschaukelt und schließlich - offensichtlich völlig in Panik geraten - plötzlich seinen Rettungsschirm zieht, der sich dann auch sofort öffnet und hinterm Drachen hochsteigt. Dieser nimmt daraufhin die Schnauze runter, worauf es dann ziemlich flott in Spiralen nach unten geht. Uns stockt der Atem, da Mike nun auf die mit Felsen übersäte Schneise zusteuert..! Aber offensichtlich wird er von flugbegeisterten Schutzengeln begleitet: Der Drachen kracht nämlich nicht in die Felsen, sondern in die Baumkrone einer am unteren Ende der Schneise stehenden mächtigen Buche, auf der er dann draufsitzt wie ein Schmetterling auf einer Löwenzahnblume.

Wir springen sofort in unsere Autos, stoppen noch kurz bei unserem Vereinslokal in Kerschbaum, um aus der Drachengarage das lange Rettungsseil zu holen und fahren dann weiter Richtung Falkenacker. Beim Hochsteigen auf den Berg treffen wir kurz vor der Waldschneise auf eine Urlauber-Familie, die gerade beim Schwammerlsuchen ist. Darauf Heinz zu den beiden Kindern: "Hey Kinder, woits amoi an "Liebn Gott" hörn..?" Die Kinder schauen ihn nur verständnislos an und verstehen nur Bahnhof... Darauf schickt Heinz einen Ruf gen Himmel: "Hey, du da obn, sag amoi was!!"

Da ertönt doch tatsächlich vom Himmel her aus dem Nichts eine kräftige, höchst verärgerte Männerstimme: "Geh, leckt´s mi doch alle mitanand am Arsch!!" Worauf die Kinder sofort schutzsuchend zu ihren Eltern laufen, die nun selbst völlig entgeistert dreinschauen...

Tiger, unser Geländewart, klettert mittlerweile behende wie ein Tiger den Baum hoch, wirft das Rettungsseil über einen starken Ast und klinkt es an Mikes Karabiner ein, worauf wir diesen mit vereinten Kräften abseilen. Allerdings nur bis knapp über den Boden, denn Mike, ein Schelm wie er im Buche steht, der uns ständig Streiche spielt und zum Besten hält, so dass man nie weiß, ob man nun von ihm auf den Arm genommen wird oder nicht, und der bei der letzten Nikolausfeier als Krampus jedem von uns den Hintern derart kräftig versohlt hat, als ob wir die ungezogensten Lümmel von ganz Ostbayern wären, bekommt nun für all das seine Quittung: Er wird nämlich - trotz flehentlichster Bitten - "Aufhörn!! Langt scho!!! Bittschön hörts doch endlich auf..!!!" - am Seil hängend von seinen Fliegerkameraden minutenlang hin- und her geschubst und herumgedreht, bis er dann endlich mal festen Boden unter den Füßen erhält. Worauf er sich sofort hinter dem nächsten Baum derart kräftig und lautstark erleichtert, dass man meinen könnte, am Büchelstein ist die Hirschbrunft bereits voll im Gange...

Aber auch wir sind nun alle ziemlich erleichtert, dass der ganze Vorfall ohne Verletzungen und auch die Bergungsaktion für den Drachen sowie den Rettungsschirm ohne Beschädigung abgegangen ist. 

Und vermutlich sind auch die beiden Urlauber-Kinder erleichtert, dass es sich bei der Geschichte mit dem "Lieben Gott" dann doch nur um einen ganz doofen Scherz von so einem superblöden einheimischen Witzbold gehandelt hat...

Ein gemütlicher UL-Flug im Spätherbst - bei absolut ruhiger Luft (1985).

 

Ich bin an einem Spätnachmittag im Sommer mit meinem UL zu einem wunderschönen Sightseeing-Flug an den Ausläufern des Bayerwaldes entlang in Richtung Bogen unterwegs. Beim Umkehren über der dortigen Donaubrücke realisiere ich jedoch mit Schrecken, dass sich in südöstlicher Richtung ein Gewitter zusammenbraut...

Also Vollgas geben, den Steuerbügel zur Brust ziehen und fliegen, was das Zeug hält, vielleicht schaffe ich es ja doch noch zurück bis zum Flugplatz Deggendorf-Steinkirchen..!

Kurz vor Stephansposching muss ich jedoch feststellen, dass es südlich von Deggendorf bereits blitzt und wolkenbruchartig schüttet... Da es mittlerweile auch ziemlich ungemütlich geworden ist in der Luft, versuche ich den heftigen Böen und Turbulenzen zu entkommen, indem ich in Richtung Gäuboden abdrehe, um dann schließlich sicherheitshalber in unmittelbarer Nähe zu einer Ortschaft eine Außen- bzw. Notlandung hinzulegen.

Kurz nach dem Ausrollen ist auch schon der Bauer vom nebenliegenden Hof bei mir: "Servus, i bin da Wiggerl! Am Besten, mir dean dein Vogl zu mir in Stadl nei bis moagn..! Aber mia soitn uns schicka, s`Weda is nämli glei da..!" "Ja super, danke! Wo bin i denn überhaupt..?" "In Großköllnbach." "Ahja..." (??)

In Nullkommanix sind an die hundert Leute um uns rum... Ich kriege mit, wie eine Frau mit ihren beiden Kindern schimpft: "Ja, wos tats denn ihr da..?! Hab i eich net gsagt, ihr soits dahoam bleim bei da Oma..?!!" "Aber d`Oma is ja selber da..!"

Nachdem ich kurz das Trike auf etwaige Schäden inspiziert habe, hebt es Wiggerl am Bugrad an, dreht es in Richtung Stadl um und gibt den Umstehenden die Anweisung: "Anschiabn..!!" Worauf sofort ein halbes Dutzend Männer tätig werden, während ich in der Wiese nach meinem Fluginstrument, das bei der böenbedingt extrem harten Landung abgeschlagen wurde, suche.

Im Stadl höre ich dann noch Wiggerl´s laute Kommandos ganz vorne: "Geht scho no..! Weida..! Jetza langsam..! Hoit! Hoit!! Hoit!!! Aaaauuuaaa..!!!"

Ich dränge mich sofort durch die Menge und sehe dann das Malheur..: Der Wiggerl liegt regungslos mit gespreizten Armen, weit aufgerissenen Augen, offenem Mund und schmerzverzerrtem Gesicht rücklings - wie ein Fakir auf dem Nagelbrett - auf einer schräg am Boden liegenden, mit den Zinken nach oben weisenden Egge...

Es bedarf dann auch zahlreicher kräftiger Männerhände, um ihn ganz vorsichtig hochzuziehen und wieder auf die Beine zu stellen. Als er sich dann mal umdreht, sehe ich, dass seine gesamte Hinterseite aussieht, als ob er bei einer Treibjagd eine Teilladung Schrot abbekommen hätte...

Ich bin mit diesem Flug wieder mal um eine Erfahrung reicher geworden, aber unterm Strich dürfte mich dieser dann wohl mehr gekostet haben als ein Urlaubsflug nach Mallorca mit einwöchigem Hotelaufenthalt: Mehrere Hunderter für ein neues Fluginstrument und zusätzlich einen Hunderter für den Wiggerl (musste ich ihm aufdrängen) für´s Unterstellen vom UL, für Hemd, Hose und Unterwäsche, für´s ganze Jod und Heftpflaster, als Schmerzensgeld sowie für die anschließend noch in der Bauernstube aufgetischte Brotzeit mit Bier und zahlreichen Schnapserln, die wir beide dann noch zur Linderung seiner Schmerzen miteinander gezwitschert haben, bis ich vom Progner Ritsch, meinem Fliegerkumpel, abgeholt wurde in Großköllnbach.

 

Im Landeanflug mit meinem UL-Trike (1985).

 

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© Hubert Fenzl