Joseph Beuys - der berühmteste deutsche Künstler des 20.Jahrhunderts

 

(Quelle: Ronald Feldman Fine Arts, CC BY-SA 3.0 -Lizenz)

Er war Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner, Kunsttheoretiker und Professor an der Kunstakademie Düsseldorf.

 

"Für viele war er ein Spinner, ein Verrückter, ein Scharlatan, der "Hausmüll" als Kunst deklarierte und damit ein Vermögen verdiente. Für seine Fans war der Mann mit Filzhut und Anglerweste der große Zampano der politischen Gegenwartskunst. Unbestritten ist, dass Joseph Beuys (1921 - 1986) der berühmteste deutsche Künstler des 20.Jahrhunderts war. Er selbst sah sich als Povokateur, der nichts Geringeres wollte, als die deutsche Gesellschaft von Grund auf nachhaltig zu verändern. Es ist heute schwer vorstellbar, wie sehr Joseph Beuys seit Mitte der Sechzigerjahre bis zu seinem Tod die Gemüter bewegt hat."

(Ula Brunner)

 

Vor allem seine Theorie "Jeder Mensch ist ein Künstler", stieß auf Unverständnis und ungläubiges Kopfschütteln. So gebe ich offen zu, dass auch ich schmunzeln musste, als ich zum ersten Mal davon hörte. In meinem Kopf tauchten sofort "Bilder" von Freunden auf, die schon Probleme damit hatten, Strichmännchen einigermaßen erkennbar hinzubekommen... Und die sollten nun auch "Künstler" sein...? War wohl nicht ganz ernst gemeint, oder...?

 

Nur zu verständlich, dass dieser Satz auch in den Medien auf erdenkliche Weise zitiert, kolportiert und missinterpretiert wurde.

 

So sind auch folgende Ereignisse in den Anektodenschatz eingegangen und dienten in der Medienberichterstattung gelegentlich als ein Beispiel dafür, dass die zeitgenössische Kunst nicht immer auf den ersten Blick als Kunst zu erkennen und Müll manchmal nicht zu unterscheiden sei:

 

- So soll einmal eine Putzfrau kurz vor einer Vernissage ein Kunstwerk von Joseph Beuys, konkret eine Babybadewanne, versehentlich bzw. aus Unwissenheit zerstört haben, indem sie diese mit Hilfe eines Putzmittels reinigte.

 

De facto ist diese "Putzfrauenlegende" auf zwei Werbefilme (1983/1987) der Herstellerfirma des Putzmittels ATA zurückzuführen, in denen der eigentliche Tathergang mit zwei Putzfrauen nachgespielt wurde. Schlusssatz: "Ata, von Haus aus gründlich, so oder so..."

 

In Wahrheit lief der ganze Tathergang jedoch wie folgt ab:

 

Im Städtischen Museum für Moderne Kunst Leverkusen war eine Wanderausstellung geplant, in der auch eine mit Heftpflaster, Mullbinden, Fett und Kupferdraht bearbeitete Säuglingsbadewanne von Beuys ausgestellt werden sollte. Bis zum Aufbau der Ausstellung war die Badewanne in einem Nebenraum eingelagert. Der SPD-Ortsverein-Leverkusen-Alkenrath feierte am 03.11.1973 in diesem Museum ein Fest und zwei SPD-Mitglieder, Hilde Müller und Marianne Klein, die eine Schüssel zum Gläserspülen suchten, entdeckten die scheinbar mutwillig verschmutzte Wanne und reinigten diese gründlichst mit eben diesem Putzmittel ATA.

Die Stadt Wuppertal als Leihnehmer des Beuys-Kunstwerks wurde daraufhin vom Oberlandesgericht Düsseldorf in zweiter Instanz zu 58 000 DM Schadensersatz verurteilt.

 

- Ein ähnliches Schicksal widerfuhr einer von Joseph Beuys in einer Ecke seines Ateliers "Raum 3" im Hauptgebäude der Düsseldorfer Kunstakademie ca. zwei Meter unterhalb der Decke angebrachten Fettecke. Etwa neun Monate nach dem Tod des Künstlers 1986 wurde diese aus fünf Kilogramm Butter bestehende Fettecke vom Hausmeister der Kunstakademie entfernt, weil für den nächsten Tag hoher Besuch (Bevollmächtigter des Dalai Lama in Europa) angekündigt war.

In diesem Fall musste das Land Nordrhein-Westfalen dem Eigentümer des Kunstwerks, Johannes Stüttgen, in einem Vergleich in zweiter Instanz 40 000 DM Schadensersatz zahlen.

 

Beuys war zeitlebens heftiger Kritik ausgesetzt, die ihm jedoch wenig zusetzte. So ist mir auch folgende Episode in Erinnerung:

 

- Eine Gruppe von jungen Leuten veranstaltet vor seinem Wohnhaus eine Protestaktion, indem die Filzmäntel tragenden Teilnehmer der Reihe nach ihre Mäntel ausziehen, um diese auf einem Haufen zu verbrennen. Damit möchten Sie v.a. gegen die ausufernde Kommerzialisierung der Kunst protestieren.

Beuys tritt vor das Haus, sieht dem Treiben sichtlich amüsiert zu, verzichtet jedoch darauf, sich mit den jungen Leuten auf eine Diskussion einzulassen.

Stattdessen wartet er ab, bis nur mehr ein Teilnehmer mit Mantel übrig ist, zieht plötzlich einen Filzschreiber aus der Tasche und signiert den Mantel hinten im Schulterbereich.

Der junge Mann überlegt nicht lange was er nun tun soll, dreht auf der Stelle um und geht mit dem Mantel schnell vondannen. Ihm wurde nämlich in diesem Moment schlagartig bewusst, was dieser Mantel nunmehr auf dem Kunstmarkt einbringen dürfte...

 

In der Tat erzielten die Werke von Joseph Beuys auf dem Kunstmarkt Preise, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellten und somit auch auf viel Unverständnis stießen: So wurde z.B. der Ankauf des Environments "Zeige mir deine Wunde", bestehend aus alten Leichenbahren und Fett, durch das Lenbachhaus in München 1980 für 270 000 DM als Erwerb des "teuersten Sperrmülls aller Zeiten" kommentiert.

 

Die Kritikpunkte waren vielfältig und betrafen u.a. auch seine m.E. teilweise recht abstrusen, von der Antroposophie Rudolf Steiners beeinflussten Theorien.

 

Später stellte sich auch heraus, dass die Geschichte von der Rettung Beuys` nach einem Flugzeugabschuss auf der Krim durch Tataren eine Legende war. Dieser Legende zufolge waren es Krimtataren, die sich um den Schwerverletzten gekümmert haben und ihm mit der heilenden Kraft von Fett und Filz, die Leitmotive seines späteren künstlerischen Werkes, das Leben retteten:

" Sie rieben meinen Körper mit Fett ein, damit die Wärme zurückkehrte, und wickelten mich in Filz ein, weil Filz die Wärme hält."

Fakt ist jedoch, dass die Tataren bereits 1943 durch Stalin von der Krim deportiert worden waren. Der Flugzeugabschuss fand am 16.März 1944 statt und Beuys wurde bereits einen Tag später im mobilen Feldlazarett Kurman-Kemeltschi aufgenommen, nachdem ihn ein deutscher Suchtrupp gefunden hatte.

 

Eine kleine Anmerkung hierzu am Rande: Auch ich hatte schon mal einen schlimmen Flugunfall, und zwar mit einem Ultraleichtflugzeug. Aber im Gegensatz zu Beuys habe ich daraus keine Legende entstehen lassen, sondern habe den Vorfall sofort abgehakt und die Fliegerei mit einem neuen Fluggerät fortgesetzt.

 

Was nun das Kunstwollen von Joseph Beuys betrifft, so dauerte es doch einige Jahre, bis ich einigermaßen verstand, was mit der "Sozialen Plastik" und dem "erweiterten Kunstbegriff" ("Jeder Mensch ist ein Künstler") eigentlich gemeint ist, zumal es damals noch kein Internet gab, in dem man eben mal kurz "googlen" hätte können, und auch die Medien kaum Informationen hierüber lieferten. Hier der Versuch einer Deutung in Kurzform:

 

Im üblichen Sprachgebrauch werden Menschen als Künstler angesehen, die auf dem Gebiet der bildenden oder der darstellenden Kunst und der Musik kreativ tätig sind. Sie erschaffen Kunstwerke oder stellen Ideen zu deren Schaffung bereit.

 

Beuys vertrat nun die Ansicht, dass jeder daran teilnehmen kann, das Leben - insbes. in Politik und Wirtschaft - sozial und kreativ zu gestalten. Besondere Fähigkeiten zum Künstler als Erschaffer von Kunstwerken seien in diesem Sinne nicht erforderlich.

Die Fähigkeiten zur Verwirklichung einer Sozialen Plastik bzw. eines Sozialen Organismus sind lt. Beuys in jedem Menschen vorhanden. Diese Fähigkeiten - u.a. Offenheit, Kreativität und Phantasie - müssten demnach nur erkannt, ausgebildet und gefördert werden.

 

Die Soziale Plastik meint demnach das Denken des Menschen, der durch kreatives Handeln sich selbst und die Gesellschaft verändert und sie somit formt. Diese Entwicklung der Gesellschaft verstand Beuys als einen kontinuierlichen Prozess. Nach seinem Verständnis ist eine Plastik ein modellierfähiges und formbares Gebilde und mit der Gesellschaft bzw. einer Demokratie gleichzusetzen.

Im Gegensatz zu einem rein formalästhetischen Kunstbegriff umfasst die Soziale Plastik somit jegliche kreative menschliche Tätigkeit, die dem Wohle der Gemeinschaft dient.

 

Die Soziale Plastik beinhaltet auch die Hoffnung, dass die Kunst als interdisziplinäre Sprache zwischen Mensch und Natur in Bezug auf die bestehende Umweltproblematik vermitteln kann. Für Beuys gehören die Bereiche Kunst, Kreativität und Naturprozesse untrennbar zusammen.

 

So verweist bspw. seine 1968 entstandene Skulptur "Erdtelefon" auf den gestörten Draht zwischen Natur und Technik: Um den Anschluss an die Erde wiederzufinden, ist ein Telefon an einem Erdklumpen mit Strohbündel angeschlossen.

 

Auch ging Beuys mit gutem Beispiel voran und leistete mit seinen spektakulären Baumpflanzaktionen (z.B. Projekt "1000 Eichen") einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz.

 

Wenngleich ich mich in so manchen Punkten in die Reihe der Kritiker von Joseph Beuys einreihen muss, so muss man es ihm ganz hoch anrechnen, dass er die Kunst aus ihrem Nischendasein geholt hat.

Ebenso kann ich mich mit seinem künstlerischen Ansatz voll identifizieren:

 

So bin auch ich der Meinung, dass es insbesondere heute, in Anbetracht der immensen Probleme auf dem Sektor Umwelt-, Natur- und Klimaschutz, dringend notwendig ist, die Gesellschaft damit zu konfrontieren und zu mobilisieren, aktiv tätig zu werden - nach dem Motto:

Wenn die Politik versagt, ist die Kunst gefragt!

 

Weiterhin gehe ich mit Joseph Beuys konform, was seine Forderung nach einer gezielten bzw. umfassenden Förderung der kreativen Fähigkeiten betrifft.

Die großartigen Erfolge von meinen Schülern bei der Lösung von Problemen dürften ja der beste Beweis dafür sein.

 

Und nicht zuletzt habe ich von Beuys gelernt, dass Kunstwerke nach Möglichkeit bestimmte Wiedererkennungsmerkmale aufweisen sollten, so dass man sie möglichst auf den ersten Blick dem jeweiligen Künstler zuordnen können sollte.

So wie "Fett" und "Filz" zum Markenzeichen der Kunst von Joseph Beuys geworden sind, so hoffe ich, dass dies auch bei mir der Fall sein wird: "Gold", "Flechtenmaterial" und "Kunstlicht".

Insbesondere, was diese "Cladonia stellaris" / "Rentierflechte" betrifft, so dürfte ich wohl der erste akademische Künstler sein, der dieses "lebende" Material als künstlerisches Ausdrucksmittel zum Einsatz bringt.

(Quelle: joseph-beuys.de / wikipedia.org / anthrowiki.at / welt.de)

 

 

 

 

 

 

"Fettstuhl" (1964)

 

"Fett ist eine plastische Masse, die sich zwischen bewegtem Wärmepol und starrem Kältepol bewegt. Ein Gleichnis für das Leben und die Veränderbarkeit von Gesellschaft".

(Quelle: taz vom 12.05.2006)

 

 

 

(Abb.: Buch "Joseph Beuys. Eine Werkübersicht". Schirmer/Mosel Verlag GmbH, München. 1996/2001)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Abb.: Ausstellungskatalog Kunsthalle Tübingen, 1985. König Verlag Köln 2012)

Meine "Markenzeichen": Gold, "Cladonia stellaris"-Flechte und Kunstlicht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hubert Fenzl, "Laudato si`, III. 38 - 39; IV. 195", Installation (2016)

(Foto: H. Fenzl)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hubert Fenzl, "Laudato si`, III. 32 - 39", Installation (2016)

(Foto: H. Fenzl)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hubert Fenzl, "Laudato si`, III. 38 - 39; IV. 195", Assemblage mit integrierter Beleuchtung (2016)

(Foto: H. Fenzl)

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