Gestaltungsmaterial "Cladonia stellaris"-Flechte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Rainforest", 2016, Assemblage, 80 x 60 cm (in Privatbesitz)

(Foto: H. Fenzl)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Gerhard Richter worries about the nature - Nr. 3", 2016, Assemblage, 124 x 66 cm (in Privatbesitz)

(Foto: H. Fenzl)

 

 

In meiner Kunst spielt die Natur eine große Rolle. Aus diesem Grund und um entsprechende Denkanstöße zu vermitteln, füge ich u.a. auch "natürliches" bzw. aus der Natur stammendes Material als Gestaltungselement in meine Bilder und Objekte / Skulpturen ein. Dieses sieht aus wie Moos und fühlt sich auch an wie weiches Waldbodenmoos. Dennoch handelt es sich hierbei de facto nicht um Moos, wenngleich diese Bezeichnung auch fälschlicherweise oft verwendet wird.

Vielmehr handelt es sich um eine spezielle Flechte, die auf dem gesamten Erdball im Polarkreis wächst und die wissenschaftliche Bezeichnung "Cladonia stellaris" trägt. Bei uns in Europa ist diese v.a. in Skandinavien, besonders in der nördlichen Nadelwaldzone, und in der Tundra weit verbreitet. Da diese "Cladonia stellaris" insbesondere den Rentieren als hauptsächliche Nahrungsquelle dient, wird sie auch als "Rentierflechte" oder "Alpen-Rentierflechte" bezeichnet.

 

Die auch häufig verwendete Bezeichnung "Islandmoos" dürfte demnach für die hier beschriebene Flechtenart nicht ganz korrekt sein. Bei jener handelt es sich nämlich um eine andere Flechtenart, die insbesondere auf Island vorkommt und bis zu 20 cm hohe Polster bildet. Das aus dieser "Citraria islandica" gewonnene Arzneimittel "Isländisch Moos" soll gegen Husten wirksam sein.

Dennoch kommt auch auf Island die "Cladonia stellaris" vor, die von den Einheimischen gesammelt und v.a. als Viehfutter verwendet wird.

 

(Foto: CC BY-Lizenz)

 

Während Moos aus biologischer Sicht zur Gattung der Pflanzen zählt, werden Flechten den Pilzen zugeordnet, unter denen sie eine Sonderstellung einnehmen. Es handelt sich nämlich hierbei um eine symbiotische Lebensgemeinschaft zwischen einem oder mehreren Pilzen und Algen (Grün- oder Blaualgen). Durch diese Symbiose verfügt die Flechte über Merkmale, die weder der Pilz oder die Alge alleine besitzen.

 

Der Grund für diese Lebensgemeinschaft sind ungünstige Umweltbedingungen, in denen sich keiner alleine ernähren könnte.

So dient das Pilzgeflecht dem Schutz vor Austrocknung und als Reservespeicher, es schließt die notwendigen Phospate bzw. Nährsalze auf und dient dem Schutz gegen UV-Licht und Fraßfeinde.

Die jeweilige Alge übernimmt die Photosynthese und versorgt den Pilz mit den notwendigen Kohlenhydraten und Glucose, z.T. wird auch reduzierter Stickstoff an den Pilzpartner geliefert.

Somit können sich Flechten auch an recht lebensfeindlichen Orten ansiedeln, die für höhere Pflanzen ungeeignet wären.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Foto: CC BY-Lizenz)

 

Weltweit gibt es rund 25.000 Flechtenarten, von denen in Mitteleuropa etwa 2000 vorkommen. Flechten besitzen keine echten Wurzeln zur aktiven Wasseraufnahme und somit keine Möglichkeit, ihren Wasserhaushalt zu regeln. Sie besitzen auch keinen Verdunstungsschutz und können nur über die Oberfläche des Flechtenlagers bei Regen,Tau oder Luftfeuchtigkeit wie ein Schwamm Wasser in relativ kurzer Zeit aufsaugen. Bei Trockenheit verfällt die Flechte in eine Art Trockenstarre, die mehrere Jahre dauern kann. In ausgetrocknetem Zustand ist sie in der Lage, Temperaturextreme oder hohe Lichtintensitäten, insbesondere von ultravioletter Strahlung, zu überstehen. So ist der Fall einer Wüstenflechte bekannt, die nach 40 Jahren im ausgetrockneten Zustand durch Befeuchtung "wiederbelebt" werden konnte.

 

 

(Foto: Cladonia stellaris in a clearing, Grands-Jardins National Park, Quebec, Canada. By Cephas - Own work, CC BY-SA 3.0)

 

Die "Cladonia stellaris" stellt zusammen mit der "Cladonia rangiferina" insbesondere im Winter einen Hauptbestandteil der Nahrung von Rentieren und Elchen dar. So benötigen Rentiere angeblich 2 kg Trockengewicht Flechten täglich und können in Gefangenschaft nur überleben, wenn ihnen Flechten ins Futter beigegeben werden. Auch sollen die Eskimos dem vorwiegend aus fettem Fisch und Robbenfleisch bestehenden Futter für ihre Schlittenhunde Flechten beifügen, um den Verdauungsprozess zu unterstützen.

Und selbst dem Menschen soll die Flechte in Notzeiten als Nahrungsquelle gedient haben. Auch heute noch stehen einige Flechtenarten auf dem Speisezettel, beispielsweise wird in Indien aus einer Parmelia-Art das Currygericht "rathapu" zubereitet, in Japan gilt die Nabelflechte Iwatake (Umbilicaria esculenta) als Delikatesse und in Nordamerika werden Bryoria-Arten als Nahrung zubereitet.

 

Die meisten Flechten sind sehr empfindlich gegen Schwefeldioxyd, weshalb sie ein hervorrgender Maßstab für die Luftverunreinigung, verursacht durch Schwefel, sind und somit auch Bioindikatoren darstellen.

Daneben sind Flechten Akkumulationsindikatoren für Schwermetalle, da sich im Gewebe die toxischen Partikel anreichern.

Schließlich speichern Flechten auch radioaktive Substanzen und dien(t)en der Wissenschaft somit zur Überwachung des radioaktiven Niederschlags nach Kernwaffentests oder Reaktorunglücken.

Dies rührt daher, dass die in Luft und Regen enthaltenen Nähr- und Schadstoffe nahezu ungefiltert aufgenommen werden. Eine Regeneration ist in den Flechten nicht möglich und selbst schwach konzentrierte Schadstoffe sammeln sich so lange an, bis die Flechte eingeht.

 

Dass Flechten zusammen mit Moosen und Algen riesige Mengen Kohlendioxid binden und somit auch das Klima positiv beeinflussen, wurde erst vor wenigen Jahren von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz herausgefunden. Demnach nehmen die "kryptogamen Schichten", wie der flächige Bewuchs wissenschaftlich bezeichnet wird, jährlich etwa 14 Milliarden Tonnen Kohlendioxid und etwa 50 Millionen Tonnen Stickstoff auf. Damit wird in etwa so viel Kohlendioxid aufgenommen, wie durch das Abbrennen von Wäldern und anderer Biomasse jährlich freigesetzt wird.

Die Flechten leisten demnach einen ganz wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und stellen in nährstoffarmen Ökosystemen und trockeneren Gebieten eine wichtige Stickstoffquelle dar, wobei sie die Fruchtbarkeit und Festigkeit des Bodens fördern.

 

Flechten zählen zu den längstlebigen Lebewesen überhaupt und können ein Alter von mehreren hundert Jahren erreichen. So kann die "Landkartenflechte" (Rhizocarpon geographicum) aus Grönland sogar bis zu 4.500 Jahren alt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Laudato si`, III. 38 - 39; IV. 195 - Nr. 2", 2016, Assemblage mit integrierter Beleuchtung,

72 x 52 cm

(Foto: H. Fenzl)

 

 

(Foto: "Flechten in Finnland", CC BY-Lizenz)

(Quelle: nabu.de / spektrum.de / natur-und-landschaft.de/ lfu.de / epo.de / swr.de / natur-und-landschaft.de / Jahrbuch Bochumer Botan. Verein / wikipedia.de / garten-treffpunkt.de / wunderbares-lappland.de)

 

Wie aus den obigen Fotos ersichtlich, handelt es sich bei der von mir verwendeten Flechtenart "Cladonia stellaris" im Naturzustand um ein silbrig-weißes Gebilde, das von Gärtnereien oft zu Grabschmuck verarbeitet wird. In diesem Zustand hat die Rentierflechte jedoch nur eine begrenzte Haltbarkeit.

 

In Nordamerika und Skandinavien hat man deshalb vor etlichen Jahren ein spezielles Konservierungsverfahren entwickelt, so dass die Flechte auch im Innenbereich überleben kann - und zwar vermutlich viele Jahre lang, unter optimalen Bedingungen wohl sogar Jahrzehnte oder vielleicht sogar Jahrhunderte...

Meinen bisherigen Informationen zufolge läuft das Ganze wie folgt ab:

 

In Skandinavien gestattet der jeweilige Staat, dass in bestimmten Gebieten, die nicht als Weidefläche für Rentiere dienen, partiell Rentierflechten entnommen werden dürfen. Nach der Entnahme wird dieses Gebiet für mehrere Jahre zur Schutzzone erklärt, damit der Flechtenboden wieder zuwachsen kann. Der Staat sorgt demnach für Nachhaltigkeit bei der Flechtenernte.

 

Die entnommenen Rentierflechten werden dann von Spezialbetrieben in einem umweltschonenden Verfahren konserviert, indem die Säfte des Pilzgewächses durch eine spezielle Glyzerin-Salzlösung ersetzt werden. Zugleich wird dem Konservierungsmittel eine ungiftige Farbe (Lebensmittelfarbe) beigemischt, so dass Flechten in unterschiedlichsten Farbtönen das Ergebnis sind. Diese werden dann in alle Welt verschickt.

 

Nach meinen bisherigen Erfahrungen (ich arbeite seit Anfang 2016 damit), klappt das Ganze tatsächlich und fasziniert mich auch immer wieder aufs Neue:

 

- Meine mit Rentierflechten versehenen Bilder und Skulpturen sehen auch nach vielen Monaten so frisch aus wie am ersten Tag.

 

- Die Flechten haben zudem hygroskopische Eigenschaften und wirken wie ein natürlicher Luftbefeuchter: Bei trockener Heizungsluft geben sie einen Teil der gespeicherten Feuchtigkeit an die Raumluft ab. Beim Zimmerlüften wird erneut Luftfeuchtigkeit aufgenommen und absorbiert. Sie können somit die Raumluft und das Raumklima verbessern.

 

- Die Flechtenbilder und -skulpturen haben zusätzlich auch noch eine schalldämmende Wirkung.

 

- Das Ganze ist mit keinerlei Pflegeaufwand verbunden. Normales Lüften reicht demnach völlig aus, um den Flechten sozusagen ein "Weiterleben" zu ermöglichen.

Die Flechten-Kunstwerke sollten ausschließlich im Innenbereich oder zumindest in einem überdachten Bereich aufgehängt bzw. aufgestellt und nach Möglichkeit nicht praller Sonne ausgesetzt werden.

 

- Übrigens: Das von mir verarbeitete Flechtenmaterial ist absolut frei von radioaktiven Schadstoffen. Ich habe dies eigens untersuchen lassen.

 

 

 

"Gerhard Richter worries about the nature - Nr. 1", 2016, Assemblage, 124 x 66 cm

(Foto: H. Fenzl)

 

Zusammenfassend:

 

Ich bin geradezu fasziniert von diesem im wahrsten Sinne des Wortes "natürlichen" Bildgestaltungsmittel, nicht zuletzt, weil es nicht nur eine sehr ansprechende Wirkung hat und Assoziationen zur freien Natur und zum Wald evoziert, sondern auch meiner künstlerischen Intention voll entspricht, zumal die Auseinandersetzung mit diesem Material zum Nachdenken anregen könnte:

 

- Wir Menschen können nämlich von Flechten sehr viel lernen, was partnerschaftliches Zusammenleben und Zusammenarbeiten zum gegenseitigen Nutzen betrifft.

 

- Die Flechten sind zudem sehr genügsam und stellen auch keine rücksichtslosen Parasiten dar, die beispielsweise Bäumen, auf denen sie wachsen, Pflanzensäfte wegnehmen würden. Sie holen sich ihre Nahrung einzig aus der Luft.

 

- Flechten leisten auch einen wichtigen Beitrag für das Klima und das Pflanzenwachstum, da sie riesige Mengen an Kohlendioxid und Stickstoff aus der Luft aufnehmen und Stickstoff an den Boden sowie Sauerstoff an die Luft abgeben können.

 

- Auch tragen sie bei unwirtlichen Untergründen (Felsen, Steine, Geröll, trockene Böden...) zur Humusierung bei und schaffen somit die Grundlage zur Besiedelung durch höhere Pflanzen.

 

- Und schließlich können wir von den Flechten auch noch lernen, dass Lebewesen nicht unbeschränkt Schadstoffe in sich aufnehmen können.

 

Als Künstler sollte man i.d.R. eine neue, bisher in dieser Weise noch nicht dagewesene bildnerische Ausdrucksmethode "erfinden" können, um sich auf dem Kunstsektor einen Namen zu machen. Ob man nun als Erster auf die Idee kommt, ungewöhnliche Gestaltungsmittel wie Fett und Filz einzusetzen, Nagelbilder zu fertigen oder einfach nur seine Bilder kopfstehend aufzuhängen...

 

Nach meinen bisherigen Recherchen bin ich demnach wohl der erste akademische Künstler, der in seinen Kunstwerken als Bildgestaltungsmittel "natürliches" Materal einsetzt, das sich wie "lebendes" Material verhält.

Dieses bietet nicht nur optische Reize und kann - wie gesagt - Denkanstöße vermitteln, sondern hat auch noch einen ganz praktischen Nutzen: Es wirkt als Schalldämmung und weist vermutlich auch noch einen gesundheitsfördernden Effekt auf, indem es in Innenräumen zur Verbesserung der Raumluft und des Raumklimas beiträgt (wissenschaftliche Untersuchungen hierzu stehen leider noch aus).

 

Kunstliebhaber könnten darüber hinaus mit dem Erwerb eines derartigen Kunstwerks nach außen hin bzw. Besuchern gegenüber kundtun, dass ihnen der Natur-, Umwelt- und Klimaschutz ein Anliegen ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Gerhard Richter worries about the nature - Nr. 2", 2016, Assemblage, 162 x 62 cm

(Foto: H. Fenzl)

 

 

 

 

"Laudato si`, III. 38 - 39; IV. 195 - Nr. 1", 2016, Assemblage, 85 x 62 cm (in Privatbesitz)

(Foto: H. Fenzl)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Laudato si`, III. 38 - 39; IV. 195 - Nr. 8", 2016, Assemblage, 120 x 66 cm   (in Privatbesitz)

(Foto: H. Fenzl)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Laudato si`, III. 38 - 39; IV. 195 - Nr. 2", 2016, Assemblage, 85 x 63 cm     (in Privatbesitz)

(Foto: H. Fenzl)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Meret Oppenheim worries about the nature", 2016, Installation

(unverkäuflich)

(Foto: H. Fenzl)

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© Hubert Fenzl